Wie es zu diesem Buch gekommen ist
Das vorliegende Buch ist im wesentlichen als Ergebnis des Festkolloquiums "Organisationsinformatik und Digitale Bibliothek in der Wissenschaft" entstanden, das zu Ehren des 65. Geburtstags von Klaus Fuchs-Kittowski am 24. und 25. März 2000 von der Gesellschaft für Wissenschaftsforschung e.V., Berlin, und dem Institut für Bibliothekswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin veranstaltet wurde.
Daher ist der erste Teil dieses Buches der wissenschaftlichen Arbeit von Klaus Fuchs-Kittowski gewidmet. Neben der anläßlich des Festkolloquiums gehaltenen Laudatio und mehreren Würdigungen seines Wirkens in verschiedenen Zusammenhängen enthält er einen inhaltlichen Beitrag des Jubilars selbst, der als Zu-sammenfassung seines Lebenswerks aufgefaßt werden kann.
Die anderen Beiträge stammen von Autoren und Autorinnen, die Fuchs-Kittowski oft über lange Jahre auf seinem wissenschaftlichen Weg begleitet haben. Sie wurden überwiegend im Rahmen des Festkolloquiums als Vorträge gehalten. Die thematische Vielfalt der Beiträge spiegelt die reichhaltigen Bezüge der Arbeiten von Fuchs-Kittowski wider, die sich nicht auf eine einzige Wissensdisziplin reduzieren oder in ein Prokrustesbrett pressen lassen. Damit ergab sich für uns die Herausforderung, wie diese Beiträge am sinnvollsten anzuordnen und zu gruppieren wären. Wie haben wir das bewerkstelligt?
Wir haben ein Leitmotiv von Fuchs-Kittowski aufgegriffen und reflexiv auf sein eigenes Lebenswerk angewendet. Immer wieder hat er methodologisch auf Stufenkonzepte zurückgegriffen. So vertritt er ein Stufenmodell der Information, wo jede Stufe als Einheit aus Form, Inhalt und Wirkung betrachtet wird. An ande-rer Stelle benennt er unterschiedliche Stufen der Ersetzung und Unterstützung menschlicher Tätigkeiten. Schließlich verdeutlicht seine Charakterisierung verschiedener Stufen des Einsatzes von Telekooperationssystemen im vorliegenden Band dieses methodologische Konzept einmal mehr.
Wir haben für dieses Buch eine Stufeneinteilung gewählt, die den Weg der Wissenschaften in die Informationsgesellschaft nachzeichnet, und die Beiträge in diesem Band in diese Stufen eingeordnet. Die erste Stufe behandelt den Umgang mit Information in den Wissenschaften. Sie stellt eine der Herausforderungen und Umbrüche dar, mit denen Wissenschaft und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts konfrontiert waren. Die zweite Stufe bezieht sich auf die Herausbildung des Informationsbegriffs, da angesichts der vielschichtigen Verwendung dieses Begriffs in verschiedenen Wissenschaften sowie im Alltagsleben geklärt werden muß, worum es sich bei Information eigentlich handelt. Die dritte Stufe verdeutlicht exemplarisch Wissensprozesse in der Informationsgesellschaft, wobei Chancen und Grenzen der Gestaltung und Nachhaltigkeit aufgezeigt werden.
Zu all diesen Aspekten hat Klaus Fuchs-Kittowski wesentliche Beiträge geleistet. Darüber hinaus ist uns klar geworden, daß sich sein eigenes Werk selbst ge-mäß dieser Aufgliederung betrachten läßt. Das erste Stufenkapitel beleuchtet dann den Ursprung, das zweite das Wesen und das dritte das Wirkungsfeld seiner Ideen. In unserer Dreiteilung der Stufen, die annähernd historisch angeordnet sind, spiegelt sich auch seine Unterscheidung von Form, Inhalt und Wirkung wider.
Wir haben uns bewußt entschlossen, dieses Buch als Festschrift zu verfassen, was mit Kosten verbunden war. Wir danken folgenden Personen und Institutionen, die dies zusammen mit uns finanziell möglich gemacht haben: ADI Private Informatik Akademie GmbH Magdeburg, Bernd Beier, GPD Gesellschaft für Personalentwicklung und Bildung mbH Cottbus, Günther Ellersdorfer, Fachhoch-schule für Technik und Wirtschaft Berlin, Norbert Fenzl, Peter Fleissner, Thomas Lauxmann, Bernd Mottok, Heinrich Parthey, Herwart Pittack, Samuel Mitja Rapoport, Hans A. Rosenthal, Christian Stary, Gottfried Stockinger, Hans Wassermann, Joseph Weizenbaum und Bernd Wendland.
Hervorheben wollen wir, daß einige Spender uns unterstützt haben, obwohl sie mit keinem Beitrag im vorliegenden Band vertreten sind. Sie bringen damit ihre freundschaftliche Verbundenheit mit Klaus Fuchs-Kittowski und die Wertschät-zung seiner Arbeit zum Ausdruck.
Zum Abschluß wollen wir noch deutlich machen, was uns persönlich motiviert hat, diesen Band herauszugeben. Dazu haben wir natürlich unsere je eigene Sicht, die damit zusammenhängt, wann und wie wir den Jubilar kennengelernt haben.
Christiane Floyd
Seit 1979 verbindet mich mit Klaus Fuchs-Kittowski eine tiefe und in ihrer Art einzigartige Freundschaft, deren Entstehung und Entfaltung in meiner Laudatio in diesem Band zum Ausdruck kommt. In meiner Zeit an der TU Berlin ergab sich durch ihn für mich die Möglichkeit, mir die gänzlich fremde DDR zu erschließen. Obwohl ich zum Osten der Stadt zunächst keine Verbindungen hatte, wollte ich unbedingt die Mauer wenigstens ein bißchen durchdringen. Schließlich war ich selbst in Österreich in der sowjetischen Zone aufgewachsen und darauf orientiert, politisch erzwungene Trennungen so weit wie möglich zu überwinden.
So hat sich Klaus Fuchs-Kittowski mir vor allem als Mittler zwischen Ost und West dargestellt. Seine Versuche, sich in dem damals existierenden System Freiräume zu verschaffen und gemäß seiner Wertorientierung zu leben, konnten nur begrenzt gelingen und beeindruckten mich dennoch tief. Auch hatten wir über viele Jahre hinweg einen für mich wichtigen Gedankenaustausch über die Wechselbeziehung von Informatik und Gesellschaft, insbesondere über die Stellung der Informationstechnik als Schlüsseltechnologie in der Rüstung auf beiden Seiten und die Chancen zu systemübergreifenden vertrauensbildenden Maßnahmen und zur Abrüstung.
Klaus Fuchs-Kittowski hat im Rahmen des Möglichen ein Milieu geschaffen, in dem wissenschaftlicher und menschlicher Austausch über die Mauer hinweg stattfinden konnte. So konnte ich bei meinen verschiedenen Besuchen an der Humboldt-Universität auch ihm nahestehende Personen sowie Gäste aus anderen Teilen der DDR kennen lernen und mit ihrer Sicht der Welt vertraut werden. Diese Begegnungen haben mich nachhaltig bereichert und mir ein bleibendes Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt. Ich bin nach wie vor überzeugt, daß wir, zusammen mit vielen anderen, die in ähnlicher Weise die Initiative zum wechselseitigen Austausch ergriffen und umgesetzt haben, die menschlichen Voraussetzungen für die Überwindung des Kalten Krieges geschaffen haben.
Die Freundschaft zu Klaus Fuchs-Kittowski hat sich auch in den Jahren seit der Wende bewährt und wurde vor allem an der Universität Hamburg, meiner jetzigen Wirkungsstätte, weitergeführt. Es verstand sich daher von selbst, daß ich die Herausgeberschaft für dieses Buch gern übernehmen würde.
Wolfgang Hofkirchner
Klaus Fuchs-Kittowski war für mich zunächst nur der Name eines mir unbekannten Verfassers einer DDR-Publikation. Ein Exemplar der zweiten Auflage von "Probleme des Determinismus und der Kybernetik in der molekularen Biologie" aus dem Jahr 1976 stand im Bücherregal Peter Fleissners, dessen Mitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ich jahrelang war. Fleissner nahm in den theoretischen Diskussionen, die wir damals führten, wiederholt auf dieses Werk Bezug. Aber erst im Jahr 1990, als ich meine Arbeitstelle verließ und Fleissner, damals neuberufener Professor für Gestaltungs- und Wirkungsforschung an der Technischen Universität Wien, und ich, der später sein Assistent werden sollte, begannen, uns in die Geheimnisse der Welt der Informationsphänomene einzuarbeiten, wurde dieses Werk für uns beide wichtig und gewann der Mensch Klaus Fuchs-Kittowski Gestalt für mich.
Wir wollten uns nämlich nicht damit zufriedengeben, daß "Information" ein genauso wenig sinnvoll hinterfragbarer Grundbegriff der Informatik sei wie "E-nergie" einer der Physik - was manche ja heute noch formulieren -, und fanden einen Mitstreiter in der Person Klaus Fuchs-Kittowskis. Ich erinnere mich noch an die zähe Kleinarbeit, die es uns kostete, einen interdisziplinären Projektantrag zur Projektreife zu bringen, und wie geduldig Klaus Fuchs-Kittowski es übernahm, den bei Kritikern aufkeimenden Verdacht auszuräumen, wir würden in unserem Ansatz einer platten Abbildtheorie des Erkennens frönen. Ich sollte erkennen, dass seine wissenschaftliche Position schwer mißdeutet würde, sollte sie als einfach ehemals "linientreu" oder "parteikonform" hingestellt werden. Das For-schungsprojekt wurde nach wiederholten Anläufen bewilligt und in den Jahren 1993 bis 1995 am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung durchgeführt.
Klaus Fuchs-Kittowski war dabei mit seinem Fachwissen die zentrale Integrationsfigur. Besonderen Eindruck auf mich machte zu dieser Zeit auch schon seine Art, uneigennützig, einfach um der Sache willen und ungebrochen den wissen-schaftlichen Meinungsstreit zu führen, und das alles ohne Geringschätzung des Gegenübers und auch, obwohl Opfer politischer Verhältnisse, ohne Zank und ohne Hadern mit denen, die sich zu deren Akteuren gemacht haben. Ich verdanke ihm viel, der Kern meiner eigenen Auffassungen zur Grundlegung der Informationswissenschaften erwuchs aus der Auseinandersetzung mit einem Partner, mit dem es Freude macht, zusammenzuarbeiten.
Christian Fuchs
In den Jahren 1994-2000 habe ich an der Technischen Universität Wien Informatik studiert. Schon sehr bald habe ich mich nicht nur für die technischen, sondern insbesondere auch für die sozialwissenschaftlichen Aspekte der Informatik zu interessieren begonnen. Dabei habe ich die Bekanntschaft mit dem Betreuer mei-ner Diplomarbeit und Dissertation Wolfgang Hofkirchner gemacht, mit dem ich seither kontinuierlich zusammenarbeite. Da Klaus Fuchs-Kittowskis Arbeiten einen großen Einfluß auf ein breites Verständnis der Informatik ausgeübt haben und die Zusammenarbeit in diesem Bereich zwischen Fuchs-Kittowski einerseits und den Wiener ForscherInnen um Wolfgang Hofkirchner und Peter Fleissner andererseits seit langer Zeit besteht, habe ich Klaus Fuchs-Kittowski zuerst wissenschaftlich, dann auch persönlich, kennen und schätzen gelernt.
Besonders beeindruckt mich an Fuchs-Kittowski der Weitblick, mit dem dieser an wissenschaftliche Fragen herangeht. Den interdisziplinären Ansatz, den er in seiner Arbeit stets gepflegt hat, erachte ich methodologisch heute für die Wissen-schaften als unverzichtbar. Auch Fuchs-Kittowskis Beitrag zur Wissens-Ko-Produktion in diesem Band und die auf seine Arbeiten Bezug nehmenden Aufsät-ze zeigen einmal mehr, daß er es versteht, die gemeinsamen Aspekte von auf den ersten Blick doch so unterschiedlich erscheinenden Disziplinen wie Informatik, Medizin, Biologie, Chemie, Physik, Wissenschaftstheorie, Philosophie, Wirtschafts-, Sozial-, Organisations- und Bibliothekswissenschaften herauszuarbeiten. Dabei hat er sich stets das Ziel der Berücksichtigung humanistischer Werte erhalten.
Seine Arbeiten zum Informationsbegriff sind für mich von besonderem Interesse, da er einerseits Grundlagen für ein allgemeines Verständnis der Information geschaffen hat, das einer reduktionistischen Interpretation vorbeugt, und da er andererseits immer auch die - für heute für die Informatik zentrale - Notwendigkeit der Berücksichtigung der gesellschaftlichen Auswirkungen des Einsatzes technischer Systeme betont hat.
Humanistische und sozialistische Werte sowie kritisches Denken sollten uns heute im Zeitalter einer Informationsgesellschaft, in der wir mit einer permanenten Verschärfung der globalen Probleme konfrontiert sind, Leitbild sein. Klaus Fuchs-Kittowski hat dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet.
Hamburg und Wien 2001
Christiane Floyd, Christian Fuchs, Wolfgang Hofkirchner
1962-91 kontinuierliches Engagement in wissenschaftlichen Gesellschaften der DDR;
ab 1971 als Vertreter der Sektion Biokybernetik im Vorstand der Gesellschaft für Biophysik (Mitglied mit Gründung 1962, später umbenannt in Gesellschaft für physikalische und mathematische Biologie der DDR);
etwa ab 1978 Leitung der Sektion philosophische/ wissenschaftstheoretische Probleme der Biologie;
1970-91 Mitverantwortung und aktive Teilnahme an den Kühlungsborner Kolloquien über philosophische und ethische Probleme der Biowissenschaften
1974-89 Zusammenarbeit mit dem International Institute of Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg bei Wien: Teilnahme an der Internationalen Forschung zur Modellierung im Gesundheitswesen; Mitarbeit bei der Gesundheitssystemforschung in der DDR
seit 1980 Mitglied der International Federation for Information Processing (IFIP); 1
980-92 offizieller Vertreter der DDR im Technical Committee 9, „Wechselbeziehungen zwischen Computer und Gesellschaft“;
1986-92 Leiter der Working Group 9.1, Computer and Work; aktive Beteiligung an der internationalen Diskussion zu den Wechselbeziehungen zwischen Informatik und Gesellschaft; daraus Konzepte für die Informationssystemgestaltung, auch gegen die offiziellen Richtlinien;
1988-90 Mitarbeit am IFIP-Reader „The Information Society: Evolving Landscapes”
seit 1990 Mitglied der Gesellschaft für Informatik (GI) und am Fachbereich 8, Informatik und Gesellschaft;
1990-1994 Mitarbeit am Arbeitskreis Theorie der Informatik, 1995-2000 Mitarbeit am Arbeitskreis Komplexität des Fachbereichs Informatik und Gesellschaft
1986-89
Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates für Informatik beim Ministerium
für Hoch- und Fachschulwesen
1976-85
Mitglied des Komitees für Angewandte Systemanalyse bei der Akademie der
Wissenschaften der DDR
1985-89 Mitglied des
Wissenschaftlichen Rates Für Angewandte Systemanalyse bei der Akademie der
Wissenschaften der
DDR
1986-90 Mitglied des
Wissenschaftlichen Rates der Hauptforschungsrichtung Grundlagen und Anwendung
verteilter Rechnersysteme
seit
1992 Berliner
Landesvorsitzender des Verbandes Hochschule und Wissenschaft im Deutschen
Beamtenbund
1976
Gastprofessur an der Lomonossow-Universität in Moskau
1981-89 Gastvorträge an den
Universitäten Bremen und Frankfurt, den Technischen Universitäten Berlin und
Wien, den Universitäten Minnesota, Pennsylvania und Virginia, der Howards
University, dem Massachussetts Institute of Technology, der Moore School of
Engineering und der Neru Universität New Dehli;
1981, 1982, 1988,
1989 Forschungsaufenthalte in den USA über den International Research Exchange
Board (IREX) am National Institute for Health Services Research, an der Johns
Hopkins University, an der Universität von Maryland und der Universität von
Kalifornien in
Berkeley